Es gibt Traditionen, die wirken so unerschütterlich wie ein guter Wein aus dem Nahetal:
Weinfeste, Schwenkgrill, endlose Diskussionen über die „richtige“ Schorle-Mischung – und natürlich die Wahl der Nahe-Weinkönigin und der Nahe-Weinprinzessin. Oder besser gesagt: die heimatliche Tradition früherer Wahlen der Nahe-Weinkönigin, bzw. der Nahe-Weinprinzessin.
Nachdem im Jahr 2025 mangels Bewerbungen gleich die komplette Veranstaltung abgesagt werden musste und ehemalige Weinmajestäten einspringen durften, soll nun alles anders werden. Moderner. Zeitgemäßer. Flexibler. Vielleicht sogar so flexibel, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, ob man bei einer Wahl einer Nahe-Weinkönigin oder bei einem Start-up-Casting gelandet ist.
Die neue Lösung heißt jetzt: Nahe-Weinmajestät.
Das klingt zunächst ein wenig nach einer Mischung aus Mittelaltermarkt, Influencer-Agentur und Verwaltungsreform – und es soll aber vor allem jüngere Menschen ansprechen. Und zwar unabhängig vom Geschlecht. Statt Weinkönigin und Weinprinzessin gibt es künftig nur noch eine Person. Begründung: mehr Individualität, bessere Präsentation und größere persönliche Entfaltung. Oder anders gesagt: Weniger Krone, weniger Tradition, mehr Selbstverwirklichung.
Dabei bleibt den Bewerbern offenbar fast alles selbst überlassen. Krone? Möglich. Brosche? Auch gut. Vielleicht demnächst Sneakers mit Weintrauben-Print oder ein TikTok-Tanz vor einem Wein-Fass. Schließlich soll die Präsentation „selbstbestimmt, situationsangemessen und zeitgemäß“ erfolgen. Ein Satz, der so wunderbar modern klingt, dass man ihn vermutlich auch problemlos für eine Fortbildung im Personalmanagement verwenden könnte.
Müssen wir demnächst auch mit Männer in Frauenkleidern rechnen, weil es so schön selbstbestimmt ist?
Besonders bemerkenswert: Einen öffentlichen Wettbewerb wird es künftig nicht mehr geben. Niemand soll sich als Verlierer fühlen. Niederlagen sollen „erleichtert“ werden.
Das ist zweifellos sehr fürsorglich gedacht. Früher musste man eben damit leben, nicht gewählt worden zu sein. Heute bekommt selbst das Scheitern offenbar einen Wellnessbereich.
Auch der Wahlabend selbst fällt weg. Stattdessen entscheidet künftig ein 15-köpfiges Gremium aus Tourismus, Politik und Weinwirtschaft hinter verschlossenen Türen. Nicht öffentlich natürlich. Transparenz ist schließlich anstrengend.
Man darf also gespannt sein, nach welchen Kriterien künftig ausgewählt wird. Fachwissen über Wein? Persönlichkeit? Social-Media-Reichweite? Die Fähigkeit, ein Selfie mit Sonnenuntergang und Weißweinglas gleichzeitig aufzunehmen?
Denn Social Media soll künftig eine große Rolle spielen. Das überrascht wenig. Vermutlich reicht es bald nicht mehr, den Unterschied zwischen Dornfelder und Grauburgunder zu kennen – wichtiger wird möglicherweise die Frage, ob man Reels schneiden kann und bei Instagram den richtigen Filter findet.
Überhaupt scheint das Thema Weinkenntnis etwas in den Hintergrund zu rücken. Leidenschaft für die Region und Persönlichkeit seien entscheidend, heißt es. Das klingt sympathisch, wirft aber eine gewisse Frage auf: Sollte eine Weinmajestät nicht zumindest ein bisschen mehr Ahnung von Wein haben? Kann man ein solides Wissen rund um den Weinanbau durch relativ kurzfristige Seminare vermitteln, zum Beispiel in den Fachrichtungen Englisch, Rhetorik und Weinfachwissen? Wäre da nicht auch eine langjährige Tätigkeit und Erfahrung in und um den Weinanbau und Produktion nötig, so wie es mal war? Winzer wären normalerweise die ersten Ansprechpartner. Man stelle sich vor, ein Fußballtrainer müsste die Abseitsregel nicht mehr kennen, solange er „Leidenschaft für den Sport“ mitbringt.
Natürlich soll das Amt künftig auch professioneller werden. Deshalb wird die Tätigkeit nicht mehr rein ehrenamtlich ausgeübt, sondern auf Minijob-Basis vergütet. Schließlich steigt der Aufwand in der „Außenkommunikation“. Früher reichte ein freundliches Lächeln beim Weinfest. Heute braucht es vermutlich Content-Strategien, Story-Formate und regelmäßige Reichweitenanalysen. Die Nahe-Weinmajestät als Mischung aus Weinbotschafter, Markenbotschafter und Social-Media-Manager.
Der Verfasser dieses Beitrags hofft dennoch, dass bei aller Modernisierung nicht jede Form von Tradition verloren geht. Denn gerade das Bodenständige und Gewachsene machte den besonderen Charme solcher Veranstaltungen aus. Nicht alles, was modern klingt, wird automatisch besser. Manchmal wirkt ein Traditionsamt eben merkwürdig, wenn es plötzlich wie ein Unternehmens-Workshop für „zeitgemäße Identitätsfindung“ daherkommt.
Die große Frage bleibt deshalb: Wird hier tatsächlich eine traditionsreiche Wahl modernisiert – oder verliert sie am Ende genau das, was sie jahrzehntelang ausgemacht hat? Es bleib zu hoffen, dass der traditionelle Aspekt dieser Wahlen nicht völlig aus den Augen verloren geht.
Antworten darauf wird es vielleicht schon bald geben. Die Wahl soll am 7. November stattfinden. Und wer sich vorab informieren möchte: Am 24. Juni um 19 Uhr lädt Weinland Nahe zum Informationsabend in die Nahewein-Vinothek ein.


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